Auszug aus: "10 Jahre Verein Zentrum. Festschrift", Wien 1999

Arbeit und Psyche

Renata Fuchs, Maga. Krista Susman

"Arbeit ist ein Zentralbegriff des Menschseins, so wie Freiheit oder Tod oder Liebe."
Gerhard Schwarz

"Arbeit" ist ein Wort, das den Alltag jedes Menschen bestimmt und durch den Alltag immer wieder aufs Neue gestaltet wird. Die Bedeutung, die der Arbeit in modernen Gesellschaften zugesprochen wird, lässt sich an der Tatsache ermessen, dass das "Recht auf Arbeit" seit 1949 sogar in den Menschenrechten verankert ist.

Eine paradoxe Situation, denn erstmals in der Geschichte korreliert Wirtschaftswachstum mit dem Abbau von Arbeitskräften. D.h., Unter-nehmen machen eher Gewinne, wenn sie Angestellte 'freisetzen'. Auffällig dabei ist, dass es innerhalb der europäischen Tradition eine erstaunlich einheitliche Auffassung von 'Arbeit' gibt, die von der erlebten und gelebten Realität immer mehr abweicht:

  1. sog. "Richtige Arbeit" ist Erwerbsarbeit, d.h. Arbeit, die entlohnt wird.

  2. sog. "Richtige Arbeit" ist Arbeit in dem Beruf, den frau/man gelernt hat.

  3. sog. "Richtige Arbeit" wird durch den Rahmen einer 40 Stunden Woche in einem Anstellungsverhältnis abgesichert.

  4. sog. "Richtige Arbeit" ist die Eintrittskarte in die Gesellschaft und deren politische Institutionen (Berufsverbände, Gewerkschaft).

  5. sog. "Richtige Arbeit" bestimmt den Status der Menschen innerhalb der Gesellschaft.


Situation von Frauen auf dem Arbeitsmarkt

Diese Definitionen von Arbeit haben bisher vor allem Frauen in eine prekäre Situation gebracht. Frauen tragen zwar die Hauptlast der Verantwortung für Haushalt und Familie, aber ihre Leistungen im Reproduktionsbereich werden - z.T. auch von ihnen selbst - nicht als "richtige Arbeit" anerkannt.Finanziell sind sie oft von ihrem Partner und dessen Erwerbsarbeit abhängig, meist ohne von der Notwendigkeit entbunden zu sein, selbst erwerbstätig zu sein,da ein Einkommen immer seltener ausreicht, um eine Familie zu erhalten.

D.h., dass Frauen Erwerbsarbeit mit Reproduktionsarbeit verbinden müssen, um den familiären Bedürfnissen bzw. den Bedürfnissen der Kinder gerecht zu werden. Dies geschieht vor allem in Form von Teilzeitarbeit oder in geringfügigen Beschäftigungsverhältnissen. Innerhalb der EU sind 80% der - großteils schlecht bezahlten - Teilzeitarbeitsplätze durch Frauen besetzt. Damit werden die meisten Frauen zu Grenzgängerinnen zwischen Öffentlichkeit und Privatheit, ohne je politische Gestaltungsmöglichkeiten gehabt zu haben. Denn Entscheidungen über arbeitsrechtliche Organisationsformen werden in Gremien getroffen, in denen Frauen gar nicht vertreten oder aber deutlich unterrepräsentiert sind.

Die oben genannten, geläufigen Definitionen "richtiger Arbeit" sind mittlerweile nicht nur für Frauen problematisch, sondern betreffen in zunehmendem Ausmaß auch Männer. Die traditionelle, männliche Berufsbiographie - Schule, Lehre, Einbindung in eine Firma, Pensionierung - ist brüchig geworden. Die "Arbeitsgesellschaft" ist in der Krise, immer mehr Menschen sind von Arbeitslosigkeit bedroht oder betroffen. Die Anforderungen an persönliche Flexibilität und häufige berufliche Wechsel führen zu einer "Patchwork-Identität" (Ottomeyer), die der/dem einzelnen die Integration verschiedener beruflicher Identitäten abverlangt. Wer nicht genügend Anpassungsfähigkeit zeigt, fällt aus dem Arbeitskontext - und verliert die gesellschaftliche und politische "Eintrittskarte".


Selber schuld? - Tabu Arbeitslosigkeit

"Aber ich kenne einen, der wirklich nicht arbeiten will!"

Während innerhalb des öffentlichen Diskurses die steigende Arbeitslosigkeit als strukturelles Phänomen erkannt und benannt wird, wird in der persönlichen Auseinandersetzung (d.h. in der Auseinandersetzung mit realen Personen, die arbeitslos sind) Arbeitslosigkeit häufig als Tabu gehandelt. Wenngleich also inzwischen bekannt ist, daß es weniger Arbeitsplätze als Arbeitsuchende gibt, scheint der/die einzelne doch verantwortlich für die eigene Arbeitslosigkeit zu sein.

Diese Haltung kann als Abwehrmechanismus verstanden werden: Wenn Arbeitslosigkeit ein strukturelles und nicht ein persönliches Phänomen ist, gibt es keine Garantie dafür, nicht selbst eines Tages von Arbeitslosigkeit betroffen zu sein. In der persönlichen Schuldzuschreibung wird der Wunsch nach persönlicher Verantwortung und Einflussnahme auf die Arbeitsplatzerhaltung deutlich; d.h.: Je mehr ich mich an meinem Arbeitsplatz einsetze, desto sicherer ist mein Job (Was nur bedingt stimmt!). Daraus leitet sich der meist falsche Umkehrschluss ab: "Wer seinen Job verliert, hat sich nicht genug eingesetzt".

Gleichzeitig können (vorübergehend) eigene Existenzängste abgespalten werden, indem Leistungsstolz und Identifikation mit dem Arbeitsplatz gegen angebliche Leistungsverweigerung ausgespielt werden: Hier die Gruppe der Berufstätigen, "Anständigen", dort die Gruppe der Verweigerer, der Arbeitslosen, die in der "sozialen Hängematte" (Khol) liegen und "nicht wirklich wollen". Problematisch an dieser Haltung ist, daß notwendige Selbstreflexion behindert wird, indem projektive Lösungen (Arbeitslose sind selbst schuld, AusländerInnen sind schuld) angeboten werden. Denn um Kräfteverschleiß und zu große emotionale Abhängigkeit vom Arbeitsplatz zu verhindern, ist es notwendig, einen Balanceakt zwischen Leistungsethik und Leistungsverweigerung zu vollführen: Wer sich nicht schont, ist gefährdet (psychische und physische Gesundheit, soziale Kontakte) - wer sich schont, dessen Arbeitsplatz ist gefährdet, weil er/sie dem Konkurrenzdruck nicht standhält.

Das bedeutet, dass mit der pauschalen Abwertung einzelner Gruppen (Arbeitslose) immer auch eigene mehr oder weniger bewußte Persönlichkeitsanteile unterdrückt werden.


Psychische Auswirkungen von Arbeitslosigkeit

Die mittlerweile gesellschaftlich anerkannte Problematik der strukturellen Arbeitslosigkeit als Phänomen westlicher Industriegesellschaften hat dazu geführt, daß Lösungsansätze hauptsächlich auf struktureller Ebene gesucht werden. Die psychischen Auswirkungen auf die/den Einzelnen werden unterschätzt und vernachlässigt.

Eine Kündigung ist eine traumatische Erfahrung, auch wenn die Verantwortung dafür der allgemeinen Wirtschaftslage und nicht der/m ArbeitnehmerIn zugeschrieben wird. Verschärft wird die psychische Belastung durch die Konkurrenz mit den KollegInnen, die nicht nur in Extremfällen zu Mobbing führt. Das Erleben der Ersetzbarkeit der eigenen Person stellt eine Kränkung dar, die um so schwerwiegender ist, je stärker die Identifizierung mit der beruflichen Tätigkeit war.

Noch immer wird der Arbeitsplatz als der Ort angesehen, über den der gesellschaftliche Wert eines Menschen aufgrund seiner Leistung sozial und finanziell bestätigt wird. Der Verlust des Arbeitsplatzes zieht daher immer ein Infragestellen des eigenen Wertes nach sich. In der ersten Phase der Arbeitslosigkeit wird die Kränkung meist verleugnet und durch intensive Arbeitsuche in den Hintergrund gedrängt. Wenn aber diese Suche in den ersten Monaten erfolglos bleibt, mehren sich Zweifel an der eigenen Kompetenz, der psychische und finanzielle Druck wächst und führt in eine persönliche Krise. Die Folgen sind Entmutigung, Depression und Resignation.

Drastisch ist die Situation auch für die steigende Zahl von Jugendlichen, die keinen Ausbildungsplatz finden und denen damit einerseits die Möglichkeit, selbständig zu werden (Lösung vom Elternhaus) und eine "Erwachsenenidentität" anzunehmen genommen wird, und andererseits signalisiert wird, daß sie keinen gesellschaftlich sinnvollen Beitrag zu leisten hätten. Damit werden sie indirekt für überflüssig erklärt .


Was bedeutet dies für zb?

Für die Tätigkeit in einer arbeitsmarktpolitischen Einrichtung wie dem zb bedeutet dies, mehrere Ebenen zu berücksichtigen:

  1. Die Verbindung zwischen den gesellschaftlichen und strukturellen Bedingungen von Arbeit und Arbeitslosigkeit

  2. Die Anerkennung der Notwendigkeit für die einzelne Person, sich ökonomisch abzusichern

  3. Die Notwendigkeit psychischer Unterstützung in der Krisensituation "Arbeitslosigkeit".

Konkret heißt das, dass in der Arbeit mit Arbeitslosen nicht nur jene Aspekte von Interesse sein können, die unmittelbar an die Erwerbsarbeit (deren Verlust, deren Wiederbeschaffung) geknüpft sind. Wenn das Selbstbild und der Selbstwert eines Menschen nicht ausschließlich vom Erfolg der Arbeit (bzw. Arbeitsuche) abhängig ist, gelingt es besser, die durch den Arbeitsplatzverlust erlittene Kränkung zu verwinden und die anderen Funktionen des Ich aufrechtzuerhalten. Paradoxerweise ist es leichter, wieder einen Arbeitsstelle zu finden, wenn "Arbeit" nicht zum alles entscheidenden Faktor der Persönlichkeit gemacht wird: Je selbstbewusster und kompetenter eine BewerberIn um einen Arbeitsplatz auftritt, desto höher sind die Chancen, aufgenommen zu werden.


Angebote des zb

Die verschiedenen Angebote des zb - Einzelberatungen, Gruppenberatungen, Kurse, EDV-Grundschulungen - ermöglichen eine Veränderung der individuellen Situation der KlientInnen:

  1. Durch die (individuelle) Beratung wird die Situation der Isolation, in der Arbeitslose oft sind, entschärft.

  2. Durch die Teilnahme an einem Berufsorientierungs- oder Jobfinding-Kurs findet die Re-Integration in ein soziales Umfeld statt, die/der einzelne erfährt Bestätigung der eigenen Kompetenzen durch die Gruppe.

  3. Über die Solidarisierung mit Personen, die sich in einer vergleichbaren Situation befinden, entfällt der persönliche Versagensdruck und die eigene Situation kann realistischer beurteilt werden.

  4. Die differenzierte Wahrnehmung der eigenen Fähigkeiten, Stärken und Schwächen wird gefördert.

  5. Handlungs- und Entscheidungsfähigkeit kann zurückgewonnen werden, was den Aufbruch aus der Resignation zur Folge hat.

 

Sinnvoller Umgang mit Arbeitslosigkeit kann sich nie auf den Versuch beschränken, Arbeitslose "heilen" zu wollen, sondern bestünde in einer Vernetzung von Politik, Ökonomie und Psychologie. Das mitzudenken ist ein Auftrag, der alle betrifft.

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