Vortrag im Rahmen der Tagung: „Scheitern – Aufstehen –Weitergehen“

Abstract zum Vortrag

Ich wusste stets, was ich will - doch das wollen viele
Trotzdem setzte ich mich zwischen alle Stühle
Und machte es mir bequem - bis hierhin kein Problem

Ich strengte mich an - gehörte doch nie zu denen
Und schwelgte doch nur in unerreichbaren Plänen
Und am Ende war der Lohn Frustration
(…)
Du bist immer dann am besten,
wenn‘s dir eigentlich egal ist

Die Ärzte: Lied vom Scheitern

Ort: Bücherei Philadelphiabrücke, 1120 Wien (Arcade Einkaufszentrum)

Krista Susman: Scheitern. Leistungsgesellschaft. Jugend.

 

„Scheitern“ scheint bei oberflächlicher Betrachtung aus dem Schatten der verschämten Verschwiegenheit herausgetreten zu sein und wird seit geraumer Zeit mit viel Lust medial inszeniert. In Reality-Shows und in Talk-Shows privater Sender lassen „Gescheiterte“ ein hypothetisch unbegrenztes Publikum an ihren Misserfolgen, Niederlagen und biographischen Enttäuschungen teilhaben; jedes Kind weiß, dass die „Leider-Nein“-KandidatInnen der Casting-Shows die höchsten Einschaltquoten erzielen. Besonders beliebte Sitcoms wie „Malcolm“ oder „King of Queens“ zelebrieren mit Erfolg das Scheitern ihrer Figuren an den Erfolgsparametern der Erwerbsgesellschaft: Fehlende ökonomische Absicherung, mangelnde soziale Aufstiegschancen, Ausgrenzungserfahrung, niedriger Bildungsstand und begrenzte Einflussmöglichkeiten sind der Boden, auf dem sich die Komik entrollt und auf dem sich die ZuseherInnen gleichzeitig mit dem Ungemach ihrer HeldInnen identifizieren und davon abgrenzen können.

Und doch ist Scheitern immer noch „das große Tabu der Moderne“ (Richard Sennett). Dieses Tabu ist trotz des wachsenden öffentlichen Interesses und der Medialisierung mächtig, und zwar als Tabu, das eigene Scheitern tatsächlich als Scheitern öffentlich zu thematisieren und es nicht, wie wir es derzeit ebenfalls stark erleben, nachträglich als Erfolg umzudeuten oder als ironische Wendung zu inszenieren. Sich dem eigenen Scheitern zu stellen ist schwer, weil es oft mit Gefühlen von Scham verbunden ist. Scham aber macht sprachlos und unsichtbar.

Das Sprechen über das Scheitern der anderen fällt hingegen vergleichsweise leicht. Die Zuschreibung an jene, die „es nicht geschafft“ haben, die „Loser“, die „Gestrandeten“, die aufgrund ihres „persönlichen Versagens“ in der Erwerbsgesellschaft nicht mithalten können, fungieren normierend und disziplinierend, das heißt, sie unterstützen die Aufrechterhaltung der gegenwärtigen (wenn auch gebrochenen) Leistungsnormen und die Illusion von biografischer Normalität (Kontinuität).
„Scheitern ist, anders als bloßes Verlieren, ansteckend“ (Sylka Scholz), daher halten wir Distanz zu den „Gescheiterten“ und reden uns das eigene Scheitern schön. Wir sollen „das Scheitern positiv bewerten, nachhaltig für den Erfolg nutzen, es erfolgsorientiert beherrschbar machen“, postuliert etwa eine „Agentur für gescheites Scheitern“ auf ihrer Website, und man hat den starken Verdacht, dass hier die Erfahrung des Scheiterns nahtlos dem Erfolgsimperativ der Leistungsgesellschaft einverleibt wird, ohne das Tabu des Scheiterns dabei auch nur ansatzweise zu gefährden. Eine schnelle Google-Suche führt ohne Umschweife zu „glücklich scheitern“, „erfolgreich scheitern“, zum „Charme des Scheiterns“, „immer besser scheitern“, „schöner scheitern“ - offenbar gibt es großen Bedarf, zu eine produktive Umdeutung des Scheiterns vorzunehmen, mit der Erfahrung des Scheiterns zurechtzukommen.

Hintergrund dafür ist die generelle Verunsicherung in der Erwerbsgesellschaft: Der Verlust ökonomischer Sicherheit und fehlende Möglichkeit zur Verwirklichung persönlicher Zielvorstellungen ist gegenwärtig „die markanteste Form biographischen Scheiterns geworden“ (Zahlmann) und betrifft immer mehr Menschen, zunehmend auch Jugendliche. Das bleibt nicht ohne Auswirkungen, nicht nur für die einzelnen, sondern für einen gesellschaftlichen Entwurf insgesamt. Das Erleben von Scheitern ist auf der persönlichen Ebene immer ein schwieriges Ereignis, für Jugendliche, die mangels Ausbildungsplatz oder Job in die Position der „Entbehrlichen“ (Kronauer) geraten, ist das besonders prekär.

Was bedeutet das Tabu des Scheiterns für die Einzelnen? Was bedeutet ein Verbot des Scheiterns für gesellschaftliche Entwicklung? Wer definiert Scheitern, welche Instanz bestimmt? Wird scheitern wirklich leichter, wenn es viele betrifft („Wenn andere Milliarden versemmeln, wird das eigene Versagen weniger bedrohlich. Nie war es leichter, Mist zu bauen.“ Spiegel, 2008)?

Und vor allem: Wie kann eine eigene Sprache für das Scheitern jenseits von Ironisierung und Umdeutung entwickelt werden, ein Raum, in dem die eigene Biographie (wieder) angeeignet werden kann?

Krista Susman ist Historikerin, Pädagogin, Beraterin, Supervisorin, Organisationsentwicklerin. Geschäftsführerin des Vereins zb zentrum für beratung

Arbeitsschwerpunkte u.a.: Arbeitsgesellschaft, Arbeit & Psyche; Inklusionsstrategien; Wissenstransfer und Qualitätssicherung in Organisationen; Teamentwicklung; Geschlechterdifferenz.

Kontakt: k.susman@zb-beratung.at