
Aus: Festschrift zum 10jährigen Bestehen des Vereins Zentrum für Beratung und Kommunikation, 1999
Als ich gebeten wurde, ein Geleitwort für diese Festschrift zum 10-jährigen Bestehen des Vereins zu verfassen, habe ich mich gefreut; ich habe diese Bitte als Zeichen einer Verbundenheit empfunden, die ich auch spüre. Ich möchte meine sehr subjektiven Eindrücke und Überlegungen als meine Grußbotschaft an den Verein Zentrum wiedergeben.
1. "Gründerzeit": Für mich begann es damit, daß ich hörte, ein Sozialarbeiter in Krems plane ein Projekt für besonders benachteiligte Arbeitslose. In dieser Zeit (Sozialminister Dallinger forcierte eine fortschrittliche, experimentelle Arbeitsmarktpolitik) wurden mit großzügiger und tatkräftiger Unterstützung der damaligen AMV viele innovative Projektideen zur Hilfe für Arbeitsuchende realisiert. Eine Gruppe, die etwas derartiges auch in Krems plante, nahm mit mir Kontakt auf: In meiner Untersuchung über die psychosoziale Versorgung im Bezirk waren schwer vermittelbare Arbeitslose, besonders Frauen, Obdachlose, Alkoholkranke und Jugendliche als jene Bevölkerungsgruppen in Erscheinung getreten, für die die psychosoziale Versorgung im Bezirk besonders im Argen lag. Diese Ergebnisse stimmten mit ihren eigenen Beobachtungen überein und bildeten die Grundlage für das Konzept einer Stelle, die sich speziell um die Bedürfnisse dieser Menschen kümmern sollte. Mag. Fakler vom Niederösterreichischen Arbeitsamt konnte zur Unterstützung gewonnen werden, die Vorbereitungsphase war eingeleitet und der Gründung eines Vereins stand nichts mehr im Wege.
2. "Vereinsmeiereien": Das österreichische
Spezifikum eines Vereins als selbständiger, unabhängiger Träger
von Einrichtungen hat sich auch im Falle unseres Projekts bewährt. Die
Organisationsform als Verein ermöglicht Unabhängigkeit und flexibles,
demokratisches Reglement. Je nach den Erfordernissen des Projektfortschritts
können die Vorstandspositionen unterschiedlich interpretiert werden:
aktiv in das Vereinsgeschehen eingreifend oder auch nur formal Verantwortung
tragend und die Entscheidungen über die konkrete Projektarbeit den vor
Ort Beschäftigten überlassend. Auch in unserem Verein hat es diesbezüglich
spannende Entwicklungen gegeben. Mit einem Gründungsvorstand engagierter
ProponentInnen aus dem Feld der psychosozialen Versorgung (Dr. Schultes, Dr.
Brunner, Direktor Lehner u.a.) waren wichtige Persönlichkeiten eingebunden,
die das junge Projekt unterstützten. Die weitere innere Entwicklung unseres
schnell wachsenden Vereins war geprägt von einem Ringen um das richtige
Maß an Kontrolle, die nötige Unterstützung durch Einbindung
von Außenstehenden aber auch dem Wunsch nach Selbstverwaltung und einem
Arbeiten in Hierarchiefreiheit. Ein Zeichen dafür mag die langdauernde
Diskussion um die Installation eines Geschäftsführers sein, bei
der schon durch die Schaffung der Position eines "Koordinators"
oder "Sekretärs" Warnungen vor Machtakummulation laut wurden.
Der "Verein Zentrum" war anfangs eine Organisation mit extern besetztem
repräsentativem Vorstand mit dem Ziel, möglichst viele Menschen
in der Gründungsphase des Vereins zu solidarisieren. In einer zweiten
Entwicklungsphase arbeitete ein aktiver Vorstand auch inhaltlich mit und bestimmte
die Vereinslinie. Danach versuchten wir es mit einer Kombination von externem
und internem Führungsgremium (ich hatte die Ehre, dabei lange Jahre als
Obfrau zu fungieren); jetzt wird der Verein in Selbstverwaltung geführt,
bei dem die Menschen, die in ihm arbeiten, auch seine inneren Bedingungen
bestimmen.
Diese Entwicklung steht auch im Vordergrund meiner Sicht des Vereins: Ein
spannendes Ringen um Strukturen abseits hierarchischer Modelle - aber auch
den Mühseligkeiten plenarer Sitzungen, in denen Konzepte basisdemokratisch
erarbeitet werden müssen.
3. Als "Öffentlich beschäftigte UnternehmerInnen mit variablen Zeitverträgen" würde ich die MitarbeiterInnen unseres Vereins bezeichnen. Sie prägten mit ihrer Persönlichkeit und ihrem Einsatz die Bedeutung des Projekts; das Wachsen des Vereins war abhängig von ihrem Interesse, Engagement und UnternehmerInnengeist. Immer wieder fanden sich kompetente und kreative Menschen für freie Stellen im Verein, die die Arbeitsbedingungen, die stark denen von selbständig Tätigen ähneln, schätzten. Sie gewähren ein hohes Maß an Selbstbestimmung, aber es erzeugt auch Druck, sich über öffentliche Förderungen und Leistungsabgeltungen zu finanzieren. Gut ist mir das alljährliche Bangen um die Höhe oder überhaupt die Wiedergewährung der Förderungen erinnerlich und das Warten auf die Förderrichtlinien - die Frage, ob die Arbeit die hier geleistet wurde, auch im nächsten Jahr noch möglich sein würde.
4. "Zeitgeist(er)": prägten den Verein wie
jedes Projekt. Unser "Verein Zentrum" begann meiner Wahrnehmung
nach als ein "alternatives" Projekt, dessen MitarbeiterInnen den
Versuch eines neuen Weges abseits eingefahrener institutioneller Gleise wagten.
Immer wieder wurde auch das Gebrauchskulturinteresse des Vereins sichtbar:
Vernissagen, Filme, Feste, Lesungen, ein Café ("Saftbeisl")
- die phasenweise sehr rege Zusammenarbeit mit "Arge Region Kultur"
zeugten davon.
Im Laufe der Zeit hat unser Verein an "Sozialromantik" verloren
und an Professionalität gewonnen. Eine Spiegelung könnte meine Behauptung
in den Räumlichkeiten der Beratungsstelle finden: Von kreativ und unperfekt
selbstrenovierten, dunklen, im Hinterhof (bei allerdings guter Adresse!) gelegenen
drei Zimmern haben wir uns nun in die hellen, wohlausgestatteten Räumlichkeiten
einer Beratungsstelle als vorläufigen Endpunkt der Entwicklung hinbewegt.
Ob sich auch das Verständnis von Sozialarbeit und Beratung, die Anforderungsprofile
für MitarbeiterInnen in der Weise ändern? Und das Klientel?
5. "... und für wen?" Nach soviel Nabelschau
jetzt zu denen, für die der Verein da ist: Von Anfang an war klar, daß
es seine Aufgabe ist, sich derer anzunehmen, die benachteiligt sind und für
die es im Bezirk noch kaum Angebote gibt: bestimmte Gruppen von Arbeitslosen,
Menschen in Wohnungsnot und mit Problemen rund ums legale Suchtmittel Alkohol.
Im Bezirk Krems mischen sich ländliche und städtische Strukturen
- und somit auch die damit verbundenen Probleme. Ich habe beobachtet, daß
viele der Ratsuchenden dieses Dilemma auch in sich tragen: Sie sind der Integrationskraft
der dörflichen Welt entwachsen, ohne die Freiräume einer Großstadt
nützen zu können. Die psychosoziale Versorgung mag sich in einigen
Bereichen in den letzten Jahren verbessert haben, die Not allerdings (in einer
so schmucken Stadt wie Krems manchmal schwer zu erkennen) ist meiner Beobachtung
nach ebenfalls gewachsen.
Ich stelle mir und uns die Frage, ob manche Anfangsschwierigkeiten bezüglich
der Akzeptanz des Vereins auch mit manchen Gruppen seiner Klientel zu tun
hatten. Ob da in der Behandlung manchmal eine geheime Parallelität zwischen
den BetreuerInnen und den Betreuten hergestellt wurde? Wird nicht, wer mit
Menschen arbeitet, mit denen sonst kaum jemand etwas zu tun haben will, selbst
mißtrauisch beäugt? Ältere Obdachlose, Alkoholkranke, die
einen Arbeitsplatz suchen, schwer vermittelbare Langzeitarbeitslose oder Jugendliche,
die ihre Lehre abgebrochen oder niemals eine Lehrstelle gefunden haben sind
Menschen, die das Mitgefühl ihrer Umwelt weniger wecken als etwa bedürftige
Kinder oder Opfer von Naturkatastrophen.
Es ist ein Verdienst des Vereins Zentrum, sich in verschiedenen Stufen des
Zugangs von niedrigschwelligen zu höherschwelligen Angeboten dieser Menschen
rasch und unbürokratisch anzunehmen.
6. Die Grundbedürfnisse: Wohnen und Arbeiten sollen
für die KlientInnen durch Schulung, Beratung und Betreuung wieder möglich
gemacht oder gesichert werden. Erwähnen möchte ich hier auch das
einstige Vereins-Arbeitsprojekt "Maulwurf" mit seiner Idee, Arbeitslose
zu archäologischen Arbeitern auszubilden und bei historisch interessanten
Grabungen in der Umgebung zu schulen. Dieses Projekt wuchs so stark, daß
es sich in einem eigenen Verein organisierte.
Außer diesem anfangs integrierten, direkten Arbeitsangebot sind alle
anderen aufeinander abgestuften Aktivitäten in einem Verein zusammen
geblieben: Schulung und Beratung von Arbeitslosen in der Beratungsstelle und
den Kursräumen und die Beratung und Therapie von Menschen mit Alkoholproblemen
sind Säulen des Angebots des Vereins. Das Übergangswohnheim Liezenerstraße
für Menschen ohne Platz, an dem sie bleiben können, das individuelle
Hilfe mit Stadtteilarbeit verbindet und das Wohnhaus Langenlois für Männer
nach einem stationären Alkoholentzug sind die weiteren Aktivitäten
des Vereins Zentrum für Beratung und Kommunikation.
Ein Schwerpunkt, der sich immer klarer herauskristallisiert, ist der frauenspezifische
Ansatz der Arbeit: Frauen am Land haben große Schwierigkeiten damit,
sich Hilfe und Beratung zu holen: Sie leben in einer lange überkommenen
Kultur des "Alleine-Fertig-werdens", eines "Sich-Genierens"
für die Situation, in die frau geraten ist. Die Scham und Schuld auf
sich zu nehmen, sich verantwortlich zu fühlen auch bei Problemen wie
Gewalt in der Familie, Mobbing, subtiler oder offener Benachteiligung machen
es für Frauen, v.a. jene, die sozial schlechter gestellt sind, bitter
nötig, solidarische, unbürokratische Beratung und Interventionen
zu erleben. Dies steht im Gegensatz zu der engen sozialen Kontrolle, die die
Frauen sonst in ihren Dörfern oder im kleinstädtischen Milieu erfahren.
Durch intensive Einzelberatung und berufsfördernde, schulende Maßnahmen
kann der Verein den Frauen ein Bündel von aufeinander abgestimmten Interventionen
anbieten.
Ähnlich ist die Lage auch bei den Jugendlichen: Arbeitsuchende Jugendliche,
Schul- und LehrabbrecherInnen begegnen in Berufsorientierungskursen Menschen,
die ihnen mit viel Einsatz und Know-how begegnen, ihnen Grenzen und Chancen
aufzeigen, ihnen Reibungsfläche, aber auch Struktur und eine Art von
Geborgenheit vermitteln, Werte, die über das Finden eines Praktikumsplatzes
und einer Lehrstelle hinausgehen.
Dieser integrative Ansatz, der ausgehend von den Bedürfnissen in der Region versucht, verschiedene Maßnahmen zu bündeln, war immer die Stärke des Vereins. Es ist schön, ihn wachsen zu sehen und wird spannend sein zu beobachten, wie sein weiterer Weg verläuft, der ja eng mit unserer gesamtgesellschaftlichen Entwicklung verknüpft ist. Ich wünsche dem Verein, allen seinen MitarbeiterInnen, den FörderInnen und v.a. den KlientInnen alles Gute für die nächsten zehn Jahre.
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